Quantified-Self – Segen oder Fluch?

Gratuliere! Sie sind heute 12.000 Schritte gelaufen – gut gemacht! Dafür haben Sie aber auch viel zu wenig Wasser getrunken, dafür zu viel Kaffee. Und ihre Schlafqualität war heute Nacht 50 Prozent schlechter als normal. Das ist besorgniserregend! Suchen Sie einen Arzt auf, wenn das so weitergeht! Wie viel will man eigentlich über sich selber wissen? Wie gläsern will man seinem selbst gegenüber sein? Und vielleicht die wichtigste Frage: was bringen mir dieses ganzen Infos eigentlich wirklich?

Mittlerweile vermessen Millionen von Menschen sich und ihr Alltagsverhalten mithilfe von Wearables, Fitnessarmbändern, Smartphones und Apps. Vom Kalorienverbrauch, über den Tiefschlaf bis hin zum Trinkverhalten – gefühlt gibt es heute nichts mehr, was den eigenen Körper und das eigene Leben betrifft, das man nicht (ver-)messen kann. Obwohl die Technik noch in den Kinderschuhen steckt. Wer zum Beispiel eine der günstigen Fitnesstracker als Armband mal ausprobiert hat – wie sie mittlerweile sogar in Discountern angeboten werden – der weiß: so richtig zuverlässig sind die Ergebnisse oft nicht. Trotzdem boomt der Markt, die Geräte werden den Verkäufern förmlich aus der Hand gerissen und die Kunden scheinen wie versessen darauf, bald schon jeden kleinen Quadratmillimeter ihres Körpers besser zu verstehen. Aber warum ist das so?

Selbstoptimierung ist das Stichwort, das schon seit einigen Jahren nicht mehr nur in unserem Berufsleben eine Rolle spielt, sondern vermehrt auch im privaten Bereich. Quantified Self heißt eine Bewegung, die diesen Trend aufgreift und ihn nährt. Das Streben, das Ich mit allerhand Daten zu erfassen. Eine Onlineumfrage des internationalen Marktforschungs- und Beratungsinstituts YouGov hat ergeben: rund 40 Prozent der Deutschen haben mindestens eine Selbstvermessungsapp auf ihrem Smartphone. Das Ziel: das Optimum aus sich selbst rauszuholen. Und aus seinem Leben. Besser schlafen, mehr Bewegung, gesünder sein. Denn je gesünder und fitter ich bin, desto besser lebe ich.

Nur geben Experten wie der Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln zu bedenken: Daten müssen nicht nur gesammelt, sie müssen auch verstanden werden. Heißt: Jemand der sich 14000 Schritte am Tag bewegt, lebt nicht zwangsläufig gesünder als jemand der nur 800 Schritte läuft. Wie viel Bewegung, Schlaf, Kaffee, Wasser etc. für uns gut ist, hängt ganz individuell vom Körper, seiner Konstitution und Veranlagung ab.

 

Aber es stecken definitiv viele Möglichkeiten in den Quantified Self Werkzeugen. Self-Tracking ermöglicht es, sich für das eigenen Verhalten zu sensibilisieren. Richtig genutzt, wird der Körper dadurch bekannter, berechenbarer und behandelbarer. So sieht es zum Beispiel die Philosophin Melanie Swan. Bisher, so gibt auch sie zu bedenken, seien die Produkte und die Technologie noch lange nicht ausgereift. Und so sagen sie viel zu wenig über unsere tatsächliche Gesundheit aus, sondern verraten in erster Linie etwas über unser Verhalten. Ob dieses Verhalten gut oder schlecht ist – für jeden ganz individuell – kann letztlich nur der Arzt sagen.

Klar ist es spannend, viel über sich herauszufinden. Vor allem, weil man sich selbst gegenüber sonst niemals objektiv sein könnte, ist es nützlich, ein oder sogar mehrere neutrale Gadgets zu befragen. Wer nicht aus den Augen verliert, dass die aber auch nur innerhalb eines gewissen Rahmens arbeiten und ihre Ergebnisse relativ sind, wird an der Quantified Self Bewegung Freude haben und Positives für sich herausziehen können. Und wer weiß was die Technik noch alles bringt?! Die Möglichkeiten sind unerschöpflich.

 


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